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Der rote Riese und seine edlen Tropfen

Der Boden des roten Hangs lässt unverwechselbare Weine wachsen. „Ich schaue ins Tal, dort laufen die Wege zusammen, die vielfach verschlungenen, die ich gegangen bin.“ So lautet ein Zitat aus Carl Zuckmayers Lebenserinnerungen „Als wär’s ein Stück von mir“. Ob das wohl bekannteste Kind Nackenheims bei diesem Satz an den Ausblick vom Roten Hang gedacht hat?

Die Vermutung liegt zumindest nahe, da sich sein Geburtshaus am Fuß dieses zusammenhängenden Höhenzuges befindet, der sich von Nackenheim aus am Rhein entlang nach Nierstein erstreckt und sich dort in ein Seitental nach Schwabsburg ausdehnt. Von weitem mag der Rote Hang gar nicht so sehr rot erscheinen, aber wer ihn direkt betritt, erkennt schnell die charakteristische dunkelrote Färbung, die überall dort zum Vorschein kommt, wo der Boden nicht von Gras oder anderen Pflanzen bewachsen ist. Die Färbung erinnert an herbstliches Weinlaub und der Kontrast zwischen roter Erde und satten Grünflächen erzeugt ein wunderbar buntes Naturschauspiel. Der Ursprung des Roten Hangs liegt in der Zeit des Rotliegenden, einer Unterepoche des Perm. Das Perm ist eine Periode des Erdaltertums und  zwischen 250 und 290 Millionen Jahre her. In diesem Zeitraum häuften sich auf dem Gebiet des Mainzer Beckens – so nennen Geologen die Region, die den Roten Hang umgibt – große Mengen Ton und Sand an. Immer mehr Schichten wurden übereinander gelagert, wodurch schließlich der rote Riese entstand, für dessen Farbe der hohe Eisenanteil im Boden verantwortlich ist. Bis es so weit war, vergingen allerdings weitere 250 Millionen Jahre.

Heute ist der Rote Hang Naturhighlight, Ausflugsziel und ein Anbaugebiet für wunderbar fruchtige Weine. Wer ihn an einer seiner höchsten Stellen in rund 200 Metern Höhe erklimmt, zum Beispiel an der Fockenberghütte bei Nierstein, hat bei guter Wetterlage einen Ausblick, der bis zur Frankfurter Skyline und zu den Dächern von Darmstadt reicht. Die malerische Landschaft entlang des Rheins stellt ein attraktives Ausflugsziel für viele Naturfreunde, wie Radfahrer und Familienausflügler, dar. 

„Nicht ideal, aber trotzdem phänomenal gut!“ 

Der Rote Hang besitzt für den Weinbau günstige Voraussetzungen. Um diese herauszustellen und der Öffentlichkeit näherzubringen haben sich 1989 die Winzer vom Roten Hang zusammengeschlossen zum Wein vom Roten Hang e. V. Eines seiner Mitglieder ist Dr. agr. Alexander Michalsky, der über 30 Jahre lang Geschäftsführer des Weinguts Sankt Antony in Nierstein war und heute an gleicher Stelle als Berater tätig ist. Er kommentiert die Bedingungen für den Weinbau am Roten Hang folgendermaßen: „Die Lage ist zwar nicht ideal, aber trotzdem phänomenal gut!“ Es herrscht ein hervorragendes Klima und viele Steillagen ermöglichen es, die Reben optimal – das heißt fast rechtwinkelig zur Sonne – auszurichten. Der einmalige Boden ist mürbe und besitzt daher eine gute Durchlüftung. Wegen seiner dunklen Färbung nimmt er sehr viel Wärme auf, was zu einem frühen Austrieb und ausgeprägtem Wurzelwerk führt. Außerdem ist der Boden besonders reich an Nährstoffen. Er enthält unter anderem viele Eisenminerale und Karbon.

Freilich ist der Weinbau am Roten Hang auch mit Schwierigkeiten verbunden: Die Wärme des Bodens führt zu einer hohen Verdunstung zudem ist die Erde anfällig für Erosionen. Um der Abtragung der Oberfläche entgegenzuwirken, muss der Boden mit Stroh, Humus oder Grünflächen bedeckt werden. 

Kleine Krisen und moderne Ziele 

In jeder Erfolgsgeschichte findet man erfahrungsgemäß kleine Rückschläge. Einen solchen erlitten die Winzer vom Roten Hang 1971 durch das in diesem Jahr erlassene Weingesetz. Es sah die Gleichbehandlung sämtlicher Anbaulagen vor, was für die Gebiete am Roten Hang eine Herabstufung bedeutete. Bis dahin wurde der Wein mit einem hochwertigeren Gütesiegel belegt als viele andere Lagen. Außerdem forderte das neue Gesetz von den Winzern größere Produktionsmengen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde mancherorts der Fehler begangen, die Reifezeiten der Weine zu verkürzen, um möglichst schnell hohe Mengen ausführen zu können. Laut Alexander Michalsky sei dies jedoch ein sprichwörtlicher Schuss in den Ofen gewesen, da die Qualität der Weine vom Roten Hang darunter zusätzlich gelitten habe.

Eher ein Sturm im Wasserglas als eine handfeste Krise ereignete sich aus Sicht der Winzer vom Roten Hang in den 1980er Jahren. Gemeint ist das als Glykolskandal bekannt gewordene Ereignis, bei dem einige österreichische Winzer ihrem Wein den Alkohol Diethylenglykol beimischten, der normalerweise in Hydraulik- und Bremsflüssigkeiten enthalten ist. Die Spur führte auch nach Rheinland-Pfalz, wo mehrere Weinabfüller deutschen Wein mit österreichischem Glykolwein verpanschten. „Die Verunsicherung bei den Kunden war natürlich groß und unsere Telefone klingelten zu dieser Zeit rund um die Uhr“, erinnert sich Frau Dr. Ute Michalsky, die frühere, langjährige Vorsitzende des Wein vom Roten Hang e. V. „Aber unsere Weine wurden untersucht und Glykol konnte nicht nachgewiesen werden. Durch das enge Vertrauensverhältnis, das wir zu vielen Kunden langjährig aufgebaut hatten, entstanden uns keine signifikanten Einbußen.“ Unter dem Skandal hatten vor allem Exportbetriebe zu leiden. Der Handel nach Japan brach zeitweise vollkommen zusammen.

Die Winzer vom Roten Hang haben allen Problemen aus der Vergangenheit getrotzt. Über den Glykolskandal ist längst Gras gewachsen und mit dem Weingesetz von 1971 weiß man inzwischen umzugehen. „Dem Wein wird wieder mehr Zeit zur Reife gegeben. Im Vergleich zur breiten Konkurrenz wird dem Wein vom Roten Hang im Durchschnitt ein Jahr mehr zur vollendeten Reife gewährt“, erzählt Alexander Michalsky nicht ohne Stolz. Gut Ding will eben Weile haben. Der Verein verfolgt das Ziel, das Image der eigenen Traubenerzeugnisse – ganz besonders das Image des Rieslings – weiter zu verbessern und hofft, dass der Rote Hang wieder den Status einnimmt, den er zu Beginn des 20. Jahrhunderts innehatte. Damals war der Riesling vom Roten Hang im In- und Ausland heiß begehrt und galt unter Weinliebhabern als exquisites Tröpfchen. Der Export aus Nierstein war zu dieser Zeit immens und verhalf dem Städtchen zu allgemeinem Wohlstand. 

Mangogeschmack aus Rheinhessen 

Dr. Alexander Michalsky spricht gerne über die geschmacklichen Besonderheiten der Weine vom Roten Hang. Wenn er beginnt davon zu schwärmen, merkt man schnell, dass er dieses Thema längst zu seiner Leidenschaft gemacht hat. Er erzählt von unterschiedlichen mikroklimatischen Bedingungen der einzelnen Lagen am Roten Hang und beginnt beim Südosthang. Dieser sei vor widrigen Wind- und Wetterverhältnissen sehr gut geschützt, weshalb der dort wachsende Wein einen geringen Säuregehalt und einen opulenten Geschmack aufweise. Jede Weinlage am Roten Hang zeichne sich durch einen spezifischen, überdurchschnittlich hohen fruchtigen Charakter aus. Die Weine vom Südosthang ließen sich laut Michalsky mit Mango oder Maracuja assoziieren, Weine vom Orbel - dem Gebiet direkt an der Ortschaft Schwabsburg gelegen – erinnerten dagegen eher an Cassis oder Ananas. Weine vom Südhang hätten einen sehr feingliederigen Geschmack, der an Pfirsich und Aprikose denken ließe. Alle Weine vom Roten Hang seien durch ihren gehaltvollen und opulenten, aber trotzdem eleganten, mineraligen Geschmack erkennbar, wirkten aber niemals schwer. 

Das große Oberziel, das sich die 34 Winzer vom Roten Hang gesteckt haben, ist auch als Anspruch zu verstehen: Man arbeitet ehrgeizig darauf hin, dass der Wein vom Roten Hang in naher Zukunft mit dem Prädikat „Weltspitzenwein“ in aller Munde sein wird. Ob Weltspitze oder Spitzenklasse: Der Rote Hang und der Wein, den er hervorbringt, sind in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, kann sich direkt über den Wein vom Roten Hang e. V. (www.roter-hang.de) informieren, sollte sich dieses Bauwerk der Natur aber in jedem Fall selbst anschauen. Eine besondere Gelegenheit hierzu bietet sich bei der alljährlichen Weinpräsentation. Zwischen blühenden Weinreben stellen die Winzer vom Roten Hang immer am zweiten Juniwochenende rund 80 verschiedene Weine vor. Die Weinstände sind am Samstag ab elf Uhr geöffnet und werden erst abgebaut, wenn der letzte Besucher den Heimweg antritt. Am Sonntag geht es wieder um elf Uhr los und endet gegen zehn Uhr abends. Wer den Roten Hang besucht, sollte nicht verpassen, ihn bis ganz nach oben zu wandern und hinunter auf den Rhein und in die Ferne zu blicken. Von dort lassen sich auch wunderbar die von Zuckmayer wahrscheinlich vielfach beschrittenen Wege betrachten.

16.04.2007 17:50 Alter: 12 Jahre