Sie sind hier: 

News

"Malen bis zur letzten Sekunde"

Jörg Immendorffs grafisches Werk in Mainz: Fast scheint sie wie ein Vermächtnis: Die Ausstellung von Jörg Immendorffs grafischem Werk, die vom 7. Juli bis 26. August in der Mainzer Rheingoldhalle gezeigt wird. Bis kurz vor seinem Tod, am 28. Mai, nahm der herausragende Künstler noch an den Vorbereitungen teil.

Menschen, die Kunst schaffen, leben in ihren Werken weiter. Denn Kunstwerke geben immer ein Stück Künstlerseele preis und erlauben intime Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Künstlers. Jörg Immendorff, der am 28. Mai im Alter von 61 Jahren starb, hat ein Gesamtwerk hinterlassen, das ihn für immer als politisch und gesellschaftlich engagierten, rebellischen und expressiven Maler in unserer Erinnerung verankern wird. 

Ein Teil von Jörg Immendorffs Vermächtnis ist vom 7. Juli bis 26. August in der Mainzer Rheingoldhalle zu sehen. Auf circa 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche im neuen Foyer präsentieren sich 460 grafische Werke, bestehend aus Linoldrucken, Radierungen, Lithografien, Fotografien und Siebdrucken sowie Stempeldrucken und Buchcover-Entwürfen. die Ausstellung sei chronologisch geordnet, so Kurator Dirk Geuer, der mit dem Künstler befreundet war. Auf thematische Schwerpunkte verzichte die Ausstellung dennoch nicht.

Der Tod malte mit

Einer dieser Schwerpunkte wird Jörg Immendorffs schwere Krankheit sein, mit der er sich auch künstlerisch auseinandersetzte: 1997 wurde ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) bei ihm diagnostiziert; Eine unheilbare Nervenkrankheit, in deren Folge es zu einer Lähmung der Arm- und Beinmuskulatur und schließlich auch der Atemmuskulatur kommt. Zuletzt war Immendorff an den Rollstuhl gefesselt und musste künstlich beatmet werden. Eine Vielzahl großformatiger Grafiken ist in seiner letzten Lebensphase entstanden. Dabei griff der Künstler immer stärker auf kunstgeschichtliche Vorlagen zurück: auf die Bibel, mittelalterliche Holzschnitte und barocke Vorlagen. Es sind memento mori, diese späten Bilder, die gleichzeitig von erstaunlich leichthändiger Heiterkeit zeugen. Aber der Tod malte immer mit.  

„Ich werde malen bis zur letzten Sekunde, das ist ja ein Selbsterhaltungsding“, betonte er 2004 in einem Interview mit dem Kunstmagazin Art. Und tatsächlich trieb er sein Werk bis zuletzt ohne Unterlass voran. Der „Steinarm“, eine Lithographie in 12 Farben von 2000, verdeutlicht eindrucksvoll des Künstlers schwindende Körperkraft: Ein großer schwarzer Stein ist an den groben Arm gekettet – es ist die Zeit, in der Immendorffs linke Hand, seine Malerhand, unbrauchbar wird. Zunächst malt er nach diesem schweren Verlust mit der rechten Hand weiter. Als auch die versagt, fertigt er Entwurfskizzen am Computer, die seine Assistenten und Gehilfen ausführen. So entsteht auch das Mitte Januar der Öffentlichkeit präsentierte Portrait des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der „goldene Gerd“ mit dem ironischen Touch. Am 10. Juli wurde es offiziell dem Bundeskanzleramt übergeben, seitdem befindet sich auch dort ein Stück Immendorff-Seele.

 „Eine Künstlerfaust ist auch eine Faust“

Seiner Produktivität hat die Krankheit nicht geschadet. Es scheint gar, als habe das Malen gegen die Zeit Immendorffs Lebenswillen beflügelt. Als wollte er sagen „Jetzt erst recht“. Diese Haltung kennt man von ihm: Damals waren sein Trotz und seine Rebellion politisch motiviert. In den 60ern reizte er mit seinen dadaistischen LIDL-Aktionen. So zog er 1967 mit einem schwarzrotgold bemalten Holzklotz am Bein vor den Bonner Bundestag. Die gewünschte Provokation gelang trefflich. Mit Blaulicht und Martinshorn eilten die Ordnungshüter herbei und nahmen den Holzklotz in Beschlag. Sachverhalt: „Durch das Schleifen sind auf der Unterseite die Bundesfarben beschädigt worden“.  

In den 70ern dann richtete sich sein politisches und künstlerisches Interesse auf die Teilung Deutschlands. Legendär ist sein Bilderzyklus „Café Deutschland“, der zwischen 1977 und 1983 entstand. Wie kein anderer deutscher Maler thematisierte er immer wieder in Skizzen, Zeichnungen und Gemälden sowie zahlreichen Druckgrafiken die deutsch-deutsche Gegenwart. Grelle Farben und eine realistisch-expressive Malweise dominieren in den Gemälden. Doch greifen kann man diese trügerische Realität nicht. Denn Immendorff überlädt sein Café dermaßen mit Personen, Symbolik und erzählenden Motiven, dass sich das Dargestellte ins Absurde verdichtet. In einem seiner Gemälde durchstößt Immendorff selbst die Berliner Mauer mit bloßer Faust. „Die Künstlerfaust ist auch eine Faust“, sagte er einmal. Mit seinen Café Deutschland-Bildern wird Immendorff international berühmt und erhält zahlreiche Lehraufträge.

 „Hört auf zu malen“

In einer späteren Phase des Umbruchs verlässt Immendorff das politische Café und thematisiert in seinem Café de Flore-Zyklus (1987 – 1992) die Frage nach dem Künstlerdasein und der Bedeutung moderner Kunst. Keine Politiker besuchen das Pariser Café, das während des zweiten Weltkriegs ein Refugium für Intellektuelle war, sondern hochrangige Künstler wie Girgio di Chirico, André Breton und Immendorff selbst, der in verschiedenen Rollen auftritt.  

In den 90ern folgt eine Flut von Motiven, die er zumeist in großen Gemälden formuliert und in seinen Druckgrafiken weiterentwickelt. Hierzu gehört auch Immendorffs Alter Ego, der Maleraffe, mit dem er gern einen ironisch-kritischen Blick auf das Künstlerdasein wirft und der auch auf der Mainzer Ausstellung omnipräsent sein wird. Doch nicht nur altbekanntes präsentiert die weltweit bislang größte Ausstellung mit Immendorffs Grafiken. Die Werkschau ist auch eine Begegnung mit unbekannten Seiten des Künstlers. Fast alle Bilder stammen aus Sammlungen. „35 Prozent der Grafiken sind nie in einer Auflage erschienen“, so Geuer. Dazu gehört die Grafikreihe „Anbetung des Inhalts“ mit der Darstellung der Diktatoren Trotzki, Mao, Lenin, Stalin und Hitler.  

„Hört auf zu malen“ forderte Immendorff in einem Bild von 1966. Jetzt hat ihn sein Tod zur Erfüllung dieses Appells gezwungen. Seine Künstlerseele aber hat er uns mit seinen Werken dagelassen. Eine zeitlang wird sie sich in Mainz aufhalten. 

Zur Info: Vom 7. Juli bis 26. August ist die Ausstellung im Foyer der Rheingoldhalle zu sehen. Öffnungszeiten sind täglich von 10 bis 19 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Eintritt: 9,50 Euro, ermäßigt 8 Euro. Weitere Informationen finden Sie unter www.ccmainz.de

15.06.2007 16:32 Alter: 11 Jahre